
Inspiration: Was ein Gemälde in einer Berliner Galerie auslösen kann
Kunst inspiriert. Das ist keine neue Erkenntnis, aber manchmal begegnet einem diese Wahrheit so unmittelbar und persönlich, dass man sie neu begreift. Genau das ist kürzlich bei The Gallery of Things passiert. So inspirierten die wunderbaren Göttinnen-Bilder von Antonia van Gallenstein in der Ausstellung ‚unsichtbare ordnungen‘ die Schriftstellerin Bianca Körner, einen Text über Athene und Aphrodite fertigzustellen und im Rahmen der Lesung ‚schweigen/schreiben‘ vorzutragen. Für mich als Galeristin war das ein Moment, der zeigt, warum die Künste und Kreativität so untrennbar miteinander verbunden sind.
Ein Gedicht, welches Farben und Formen in Sprache verwandelt
Das Gedicht trägt den Titel „Zwei Göttinnen“. Es ist kein Kommentar zu den Werken – es ist ein Echo. Eine eigene Stimme, die durch das Werk eine Frequenz zur Vollendung gefunden hat. Es war einfach nur ergreifend, den Worten der Autorin Bianca Körner zu lauschen. Diese zwei Seelen im Gedicht ‚Zwei Göttinnen‘, die miteinander leben, lieben, kämpfen und weinen. Das Wechselspiel mitzuerleben, wenn eine Göttin die Führung übernommen hatte, die inneren Monologe im Abgleich mit den Tugenden der Göttinnen. Es war aber auch wunderbar, durch die Runde der Zuhörenden zu schauen, zu sehen wie sie gebannt den Worten folgten. Die Gespräche, die sich in der anschließenden Runde des Austausches mit der Autorin ergaben. Und damit auch wirklich alle wissen, was genau ich damit meine, darf ich das Gedicht hier mit freundlicher Genehmigung von Bianca Körner teilen:
Zwei Göttinnen
Bianca Körner
Lesung „Schweigen / Schreiben“
Zwei Seelen wohnen nicht
in meiner Brust,
nein, in meinem Kopf
Es herrschten zwei Göttinnen:
Athene.
Sie, die wie ich schon mit
Rüstung
auf die Welt gekommen ist,
bereit für alles und
jeden zu bekämpfen,
selbst wenn das Kämpfen
nur in unserem Kopf
stattfand.
In meinem Kopf, der jeden
die unruhige Nacht, zu ihrer
Tempel wurde.
Und Aphrodite.
Ihr, die kleinen Mädchen
wie er mir ins Ohr flüsterte,
sie wären wertlos
ohne Mann.
Dass die Liebe, die Ehe, das
Am wichtigsten wäre
und uns dann allein ließ,
als das Feuer erloschen war,
aber die Ketten fest
geschmiedet.
Athene.
Sie, die den Menschen
Wissen und Weisheit
brachte,
mich lesen ließ und
schreiben,
mich ehrgeizig machte und
eifrig.
Aphrodite.
Ihr, die ihr mir in Athen
Ein Stapel Bücher mit all diesen Liebesgeschichten
unterjubelte,
damit ich schon mit elf
befürchtete,
für immer allein und
ungeliebt zu bleiben.
Meine ganze Jugend war
ein Trainingslager für
diesen Olymp.
Ihre Überzeugungen, die
mein ganzes Leben lang
die sie prägten, waren ihre Gebete an mich:
Aphroditen:
„Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich geliebt werde.“
Athen:
„Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich besser bin als alle anderen.“
Athene, das erste „Pick-Me-Girl“,
die Frauen zu Spinnerinnen
erklärte, wenn sie ein anderes Bild
Webten als sie,
zwar nicht wie Aphrodite
mit Männern spielen,
aber die Spiele der Männer
mitmachen wollte,
den einzigen Platz am
Tisch, der von der
Frauenquote erfüllt
wurde.
Auch wenn das bedeutete, dass
Opfer der Taten von
Die Täter bestraft
und sogar Freundinnen zur
zur Zielscheibe wurden.
Langsamer als Pallas
durch Athenes Schwert
die Freundschaft ging zu Ende
meiner besten Freundin,
Nachdem sie und mein
erster Freund
in den Hallen nebenan
küssten
und ich ihm den Verrat
verzieh
und ihr nicht.
Aphrodite,
deren Gürtel ich mir enger
schnürte,
deren Schönheit ich in
in meinem Spiegel suchte,
deshalb mag ich Männer
fand,
die einen Krieg in sich trugen,
deshalb mag ich Männer
fand,
die meine beste Freundin geküsst haben.
Sie, die mir die Liebe noch in den giftigsten
Geschichten verherrlichte.
„Wir beide gegen den Rest der Welt.“
„Ich allein gegen den Rest der Welt.“
Hauptsache, man kämpft.
Wenn sie mir jetzt
begegnen, lächelnd,
einen goldenen Apfel
miteinander verbunden,
erkenne ich die alten
Muster auf ihren Stolen.
Begreife endlich, dass
ihre Glaubenssätze nur
ihnen helfen,
nicht mir.
Mich selbst an die erste Stelle setzen, mit
Frauen solidarisieren sich,
sich entromantisieren, Männer
dezentrieren — alles noch
immer ein Prozess, eine
die ganze Prozession.
Und solange bete ich zur
Göttin der Jagd,
um die Jagd auf
Männer oder Frauen zu
machen.
Werde stattdessen zur
Beschützerin aller Frauen und
Kinder,
wird ihre Schwester,
Werde wild und unbezähmbar,
ziehe ich mich in den
Wald
und lerne mit Pfeil und
Bogenschießen
auf unseren wahren Feind.
Was das über Kunst und Kreativität sagt
Inspiration entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entwickelt sich in der Begegnung, zwischen einem Werk und einem Betrachter, zwischen einer Haltung und einer Frage, zwischen dem, was die KünstlerInnen gemeint haben, und dem, was die BetrachterInnen daraus machen. Als Berliner Kunstgalerie mit Fokus auf feministisch / weibliche, aktivistische und nachhaltige Kunst darf ich das immer wieder erleben. Unsere BesucherInnen kommen manchmal mit einer konkreten Absicht: ob Gemälde kaufen, eine Ausstellung sehen, einen Abend in netter Gesellschaft und umgeben von Kunst verbringen. Und manchmal gehen sie mit etwas hinaus, das sie nicht erwartet haben, mit einer Idee, einem Vorhaben, einem neuen Blick auf die eigene Arbeit.
Was wird Ihr Gedicht sein?
Entdecken Sie The Gallery of Things
Eine Kunstausstellung in Berlin bei The Gallery of Things ist genau für solche Momente gemacht. Hier lade ich Sie herzlich dazu ein, sich einfach wohlzufühlen und Kunst wirken zu lassen. Vielleicht werden auch Sie dadurch inspiriert, sei es vielleicht in Form eines Gedichts, einer Skizze, eines Gedankens, der Sie den Rest des Tages begleitet.
Kommen Sie vorbei. Schauen Sie. Lassen Sie sich Zeit. Und wenn daraus etwas entsteht, freue ich mich, davon zu lesen oder zu hören.
Aktuelle Ausstellungsinformationen, Öffnungszeiten und ausgewählte Werke finden Sie auf der Websitevon The Gallery of Things. Wer regelmäßig Inspiration direkt ins Postfach möchte, abonniert unseren Newsletter – dort teile ich Geschichten wie diese, Einblicke in die Arbeit unserer KünstlerInnen und Neuigkeiten aus der Berliner Kunstszene.
Newsletter abonnieren




